Ein Selbstversuch: Wachsen lassen statt waxen lassen.

Achtung! Dieser Inhalt ist perfekt für all Jene geeignet, die auf Klatsch und Tratsch, sowie Unerhörtes stehen.

Jedes Kind weiß, dass Männer behaart, groß und stark sind, wogegen Frauen eher zierlich, fragil und sensibel zu sein haben. Nicht nur Werbeplakate und Kinderserien suggerieren typische Rollenkligees, auch unsere Eltern tragen zu Vorstellungen bei, die uns unser gesamtes Leben begleiten. An sich ist es ganz natürlich und unvermeidbar, von vorgelebten Lebensweisen geprägt zu werden. Problematisch wird es meiner Meinung nach erst dann, wenn wir, in einem uns vorgefertigtem Weltbild leben, welches unreflektiert und somit unveränderbar bleibt.



Für mich war bis vor kurzem immer klar gewesen, dass Frauenbeine haarlos und glatt sein müssen, ganz zu Schweigen von Intimbereich, Achseln und Oberlippe. Jedes Mal, wenn ich vergessen habe eine kleine Stelle am Fußgelenk oder Knie zu rasieren, habe ich krampfhaft versucht diese zu verbergen und jeder fremde Blick, der auf meine Beine und, wie ich vermutete, auf die unrasierte Stelle glitt, bereitete mir ein unbehagliches Schamgefühl.

Ich kann mich auch noch gut an den Turnunterricht in der Unterstufe erinnern. Die meisten Mädchen bekamen zu dieser Zeit die ersten Anzeichen von Körperbehaarung und schon mit 12 oder 13 Jahren war es quasi verpflichtend Alles zu vernichten, was auch nur an ein dunkleres Körperhärchen erinnerte.

Aus diesem Grund wusste ich nie, wie behaart ich eigentlich war. Selbst im Winter fühlte ich mich mit dem Wissen, unrasierte Beine zu haben, unwohl und hinterfragte die Pflicht, immer glatt rasiert und haarlos zu sein, nie. Ich denke, die meisten Frauen wissen, wovon ich spreche, wenn ich sogar behaupte, dass sich das behaart Sein anfangs unhygienisch und ungepflegt anfühlt. Denn der Aufwand, der hinter der Enthaarung steckt, ist gerade für Mädchen mit südländischeren Genen unglaublich groß und unangenehm. Die meisten Frauen hätten, wenn es gesellschaftlich propagiert werden würde vermutlich überhaupt kein Problem damit, darauf zu verzichten.





Mein Selbstversuch


Da mir vor Kurzem erst bewusst wurde, dass ich das volle Ausmaß meiner Körperbehaarung gar nicht kenne und bis dahin auch nicht kennen wollte, entschloss ich mich zu einem wagemutigen Selbstversuch, nach dem Motto "Let it grow!"

Es kostete mich anfangs wirklich viel Überwindung, nicht wieder zum Rasierer zu greifen, besonders, wenn ich mich schick machen wollte und das Bedürfnis nach glatten Beinen in High-heels verspürte. Aus Neugierde und Drang meinem Körper einmal anders zu erleben hielt ich jedoch durch und es lohnte sich definitiv.

Nicht nur das Wissen den Mut aufzubringen, fremde Blicke auszuhalten und provokativ zu erwidern, sondern auch die Tatsache, dass ich zu mir stehe wie ich bin und mich auch behaart schön finde, stärkte mein Selbstbewusstsein unerwartet stark.

Iiiih! Das ist jetzt aber echt unhygienisch, wenn nicht sogar ungesund.

Viele Menschen assoziieren Körperbehaarung mit Ungepflegtheit und schlechtem Körpergeruch. Wieso eigentlich? Wenn man sich zu lange nicht wäscht und sich Bakterien und Keime an Achseln und im Intimbereich bilden, transportieren Körperhaare den Geruch schneller ab. Von daher haben Menschen Recht, die behaupten, dass Körperbehaarung zu einer schnelleren Geruchsentwicklung führt. Allerdings muss einem auch bewusst sein, dass diese Gerüche nur dann entstehen, wenn man sich nicht oft genug wäscht, seinen Körper nicht regelmäßig bewegt und ungesund isst.

Die Vorteile, die Haare in sich bergen, sind aber viel größer, denn das meiste von der Evolution Erfundene, gibt es nicht ohne Grund. Schamhaare schützen zum Beispiel vor Krankheitserregern und dienen als "Klimaanlage". Ob das alles heutzutage noch notwendig ist, ist jedoch eine andere Frage, da Kleidung die meisten Funktionen übernimmt. Dennoch reizt ständiges Rasieren die Haut und kann zu Irritationen führen, was für Menschen mit sensibler Haut ein großes Problem darstellen kann.

Im Endeffekt ist es gesundheits- und hygienetechnisch also relativ egal, ob man mit oder ohne Körperbehaarung lebt und sollte eine individuelle Entscheidung darstellen.

Dann weg damit! Oder doch back to the bush?

Jetzt habe ich mir eben selbst erklärt, dass es gesundheitlich weitgehend irrelevant ist behaart zu sein oder nicht, wozu dann die ganze Aufregung?

Viele unserer Meinungen sind durch Medien und Wirtschaft geprägt. Auch hinter dem Trend des haarlos Seins steckt ein riesiger Markt. Rasierer, Rasierschaum, Waxingprodukte, Haarentfernungscremes, Aftershavelotions, etc. - die Liste ist unendlich und die Anzahl von Anbietern und Werbeanzeigen gefühlt noch größer.

Für mich war also der finale Auslöser auszuprobieren nicht mehr haarlos zu leben, dass ich keine Lust mehr auf den gesellschaftlichen Druck hatte, der durch eine Konsumfixiertheit ausgelöst wird, hinter der ich sowieso nicht stehe. Weiters möchte ich mir auch als Frau ganz bewusst die Freiheit nehmen, meinen Körper so zu gestalten, wie ich es für richtig und schön halte und versuchen die Meinung anderer Menschen zwar zur Kenntnis zu nehmen, aber nicht als die letzte und mich bestimmende Wahrheit anzusehen.

Du mit deiner Rebellion... *Augenverdreh*

Bis zu einem Gewissen Grad handelt es sich hierbei wahrscheinlich wirklich um Rebellion. Vielmehr würde ich aber davon sprechen, eigene Entscheidungen, unabhängig von gesellschaftlichen Normen zu treffen und diese somit auch zu hinterfragen.

Ich widme diesen Eintrag allen Frauen, die im Sommer überlegen einen Tag lang das Haus nicht zu verlassen, nur weil sie zu "faul" zum Rasieren, Wachsen, Epilieren sind!


Bis bald, eure Ökobitch!
















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